Thy-Trail-Marathon – Dänemarks härtester Marathon und ich mittendrin …

Ich laufe gerne. Wirklich! Ja – ok, vor 6 Jahren hätte ich das auch nicht geglaubt …

Eher das Gegenteil wäre der Fall gewesen. Ich bin ja eigentlich ein Sportmuffel. Oh – eigentlich – da ist es wieder, das komische Wort, aber dazu später …

Ich hol mal ein bisschen weiter aus …

Laufen. Ich habe vor ca. 6 Jahren damit begonnen. Mein Vater lag zu der Zeit auf der Intensivstation und ich musste miterleben, wie schlecht es ihm ging.

Sein Gewicht machte ihm zu schaffen, COPD sorgte für Atemnot und seit Jahren hatte er mit der Wirbelsäule Probleme. Ich musste miterleben, wie die Pfleger sich mit seinem Gewicht abmühten und wie unsagbar hilflos sich mein Vater dabei gefühlt hat.

Es tat mir in der Seele weh, das beobachten und erleben zu müssen. Ich beschloss, da wollte ich nicht hinkommen und ich war auf dem besten Wege dahin …

Unternehmersein …

Mein Leben als Unternehmer war hektisch, stressig und oft sehr ungesund.

Neustart

… mein erstes Mal

Mein Leben als Unternehmer war hektisch, stressig und oft sehr ungesund. Der Ring um meine Hüften wuchs – schrammte ich doch knapp an der 100-Kilo-Grenze. Ich verließ das Krankenhaus und machte mich auf den Weg zu einem Laufsportgeschäft. Laufschuhe mussten her – alles andere, wie z.B. ein Fitnessstudio, kam nicht in Betracht – zu wenig Zeit und ich wusste genau, ich geh eh nicht hin.

… ich war fertig

Mit den neuen Laufschuhen und meiner ersten Laufbekleidung startete ich meinen ersten Lauf. Ich glaube, es waren 2 oder 3 Kilometer. Ich war fertig, doch auch zufrieden. Anfangs lief ich, so weiß ich heute, vor allem vor meinen Problemen weg. Ständig kreisten Gedanken durch meinen Kopf. Es brauchte mindestens 1 bis 2 Kilometer, um überhaupt mal im Hier und Jetzt anzukommen. Ich lief, aber irgendwie auch nicht.

Im Hier und Jetzt ankommen

… schließlich fand ich Gefallen daran

Aber ich wurde besser. Ich steigerte mich, wurde schneller, die Strecken wurden länger und schließlich fand ich Gefallen daran. Ich nahm die Laufsachen sogar mit in den Urlaub nach Dänemark und lief auch dort, in der wunderbaren Natur.  Bei einem meiner Aufenthalte entdeckte ich, dass es eine Laufveranstaltung genau an meinem Lieblingsort gibt. Und so meldete ich mich dafür an. Meine erste Anmeldung für einen Halbmarathon … und dann auch noch Trail … 

… angemeldet! Und jetzt?

Vorbereitung? 

… ach, das wird schon.

Ich beschäftigte mich nicht weiter damit und auch meine Vorbereitung lief eher schleppend. Eine Verletzung hier, ein Ausfall da, Zeitmangel und zwischendurch verließ mich dazu auch noch die Lust … Die erste Teilnahme war im Februar 2019 und als wir vorher zu Weihnachten mal wieder in Dänemark waren, fragte mich Antje: „Ist dir eigentlich klar, wofür du dich da angemeldet hast?“

Thy Trail Marathon er Danmarks barskeste marathon.

Ehrlich gesagt musste ich die Frage verneinen. Mir war nicht klar, wofür ich mich angemeldet hatte. „Thy Trail Marathon er Danmarks barskeste marathon.“ Was sollte das eigentlich bedeuten? Laut Google Translate: Dänemarks härtester Marathon. Oh – mir wurde es schon etwas komisch zumute. Ich machte mich ein bisschen schlau, schaute ein paar Videos – ok, jetzt wusste ich also, worauf ich mich eingelassen hatte. 

2019 – 2021

Aber das erste Mal ist heute gar nicht das Thema. Die Kurzfassung: Ich kam ins Ziel.

Es war anstrengend – es hat Spaß gemacht, so viel, dass ich mich erneut anmeldete. 2020 fiel ich gesundheitlich aus, aber 2021 wollte ich unbedingt wieder dabei sein. Doch Corona veränderte natürlich vieles. Im Februar war der Lauf nicht möglich und wurde auf März verschoben. Das funktionierte für mich, da wir zu der Zeit sowieso geplant hatten, in Dänemark zu sein. Unsere Retreats sollten da laufen. Doch auch das kam anders.

Eine erneute Verschiebung, diesmal auf den Sommer. Und wieder genau dann, wenn ich da bin. Zwar an meinem letzten Urlaubstag, aber das sollte schon irgendwie gehen, oder? Wir hatten noch einen Reisegutschein von einem unserer verschobenen Retreats und so beschlossen wir, eine Woche zu verlängern, damit ich an dem Lauf teilnehmen konnte.

… dann bleiben wir halt ne Woche länger.

So fühlt es sich richtig an …

… es wurde trotzdem zur Herausforderung

Dazu würden wir zwar das Ferienhaus wechseln müssen, aber auch daran sollte es nicht scheitern. Irgendwie fühlte es sich nicht richtig an, nach dem Lauf nach Hause zu fahren. Was für eine gute Entscheidung. Wenn ich mir vorstelle, ich wollte nach dem Lauf noch fast 900 Kilometer fahren … Doch auch so war es eine Herausforderung.

Der Thy Trail Marathon sollte am Samstag um 18:30 Uhr starten. Um 17:30 Uhr musste ich am Bus sein, um zum Startplatz zu kommen und ab 13:00 Uhr konnte ich meinen GPS-Tracker und meine Startnummer abholen.

Wir mussten morgens um 10:00 Uhr aus dem Ferienhaus raus sein und das neue Haus war um diese Uhrzeit noch nicht zu beziehen. Also – Zeit vertreiben … irgendwie. Nicht ganz einfach mit einem vollgepackten Auto … Immer wieder die Nachfrage bei der Ferienhausvermietung und letztlich konnten wir um 15:00 Uhr ins neue Haus.

Jetzt musste alles schnell gehen. Ausladen, noch was essen, Vorbereitung, umziehen – von Pause und Ruhe keine Spur … 

Wetter – ach ja das Wetter …

Nordseetypisch …

Wechselhaft, windig, regnerisch – aber nur Schauer – und was für welche …

Der Parkplatz, wo die Busse abfahren, ist in der Nähe vom Ziel in Klitmøller. Von dort starten alle Busse zu den unterschiedlichen Startplätzen. Die Marathonis und die 11-er sind schon weg und um 17:30 Uhr sollte mein Bus nach Stenbjerg starten, zum Startplatz für die 21 Kilometer. 

… es schüttet in Strömen.

Aber wir müssen erst mal von Vorupør nach Klitmøller. Um 16:30 Uhr fahren wir los. Ich will nicht zu spät sein. Es schüttet in Strömen. Unfassbar, was da vom Himmel kommt. Der Wetterbericht sagt, ab 18:00 Uhr soll es trocken sein. Ich vertraue darauf und lasse die Regenjacke zu Hause.

In Klitmøller angekommen, regnet es noch immer, als gäbe es kein Morgen. Vom Parkplatz des Autos sind es auch noch mal ca. 10 Minuten zu Fuß bis zum Bus. Hab ich alles dabei? Funktioniert die Anzeige des Corona-Tests auf dem Handy? Maske? Trinkflasche – sicherheitshalber – denn es gibt Verpflegung an der Strecke.

Ein bisschen aufgeregt bin ich jetzt schon, nicht wie beim ersten Mal, denn ich bin ja viel besser vorbereitet. Der 21-Kilometer-Test am Dienstag hat gut geklappt. Ich bin gut im Training. Was soll passieren? Ich verabschiede mich von meiner Familie – sie wartet später am Ziel, um mich in Empfang zu nehmen. Es regnet noch immer. Was soll’s … 

Im Bus angekommen, gehe ich noch mal meine Sachen durch, vergesse dabei aber, dass ich eigentlich mentale Unterstützung aktivieren wollte. Der Halbmarathon mit der NRC-App sollte mich begleiten – aber das wird schon klappen. Während der Fahrt im Bus ist aus den Fenstern nichts zu sehen, so stark ist der Regen. Es blitzt und donnert auch. Wird gestartet? Meine Gedanken kreisen ein wenig, aber im Grunde bleib ich ganz bei mir. Je näher wir Stenbjerg kommen, umso heller wird der Himmel. Die drei Busse fahren nacheinander auf den Parkplatz und wie bestellt und angekündigt, reißt der Himmel auf. Die Sonne kommt raus und von einer auf die andere Sekunde ist das schönste Wetter. In Zielrichtung ist es grau, fast schwarz am Himmel. Man kann das Unwetter noch wüten sehen …

Es geht los …

… die erste Fehlentscheidung des Tages

Wir machen uns auf den Weg zum Startplatz. Einmal über die Dünen, runter zum Strand. Ich will die NRC-App starten. Doch ich hab kein Netz und so funktioniert der Download des Coachings nicht.

10 Minuten noch zum Start. Der Startpunkt des Halbmarathons ist gleichzeitig Versorgungsstation für den Marathon. Ein Marathoni nach dem anderen kommt an die Station und wird mit tosendem Applaus begleitetet. Die Stimmung ist klasse. Alle gehen locker miteinander um. Ich bleibe für mich und versuche noch immer mein Problem mit dem Download zu lösen …

Die letzte Minute bricht an. Noch einen Schluck aus der Trinkflasche und schon geht es los. Die Gruppe macht sich auf den Weg

Ok, schon nach kurzer Zeit bekomme ich meine erste Fehlentscheidung des Tages zu spüren. Ich habe mich nämlich für eine lange Hose entschieden. Da ich aber in den letzten Monaten recht viel abgenommen habe – vor allem am Bauch, sitzt die Hose nicht mehr ideal und wird durch das Laufen immer wieder nach unten gezogen. Ich hab ständig das Gefühl, ich steh gleich ohne Hose da. So komme ich einfach nicht in meinen Laufrhythmus.

Wir laufen am Strand. 

Der weiche Sand sorgt schon alleine dafür, dass es schwer ist, in den richtigen Laufrhythmus zu kommen, aber der Kampf mit der Hose bringt mich vollständig raus.

Ich bin so mit mir beschäftigt, dass ich gar nicht bemerke, dass einer nach dem anderen an mir vorbeizieht.

Ich versuche die ganze Zeit, dem entgegenzuwirken, will aber auch nicht stehen bleiben. So hample ich mich durch die ersten Kilometer am Strand entlang. Im ersten Dünenabschnitt läuft es etwas besser, doch von meinem Laufrhythmus bin ich noch immer weit entfernt. Mich hat das Wettbewerbsfieber im Griff. Anstatt kurz stehen zu bleiben, die Hose in Ordnung zu bringen und fest zu verschnüren, zupfe ich hier und da, bin abgelenkt, weil ich ständig denke, gleich steh ich ohne Hose da …

 

Der zweite Strandabschnitt

… Zeit für einen Reset

Hier war ich gestern schon spazieren und durfte feststellen, wie unangenehm weich der Boden ist. Ich laufe mit den anderen hinunter ans Wasser. Jeder Schritt zieht in den Beinen. Ich merke, wenn ich mich jetzt weiter in diese Gedanken, in dieses Szenario hineinbegebe und nicht endlich für „sorglose Technik“ in Form einer nicht rutschenden Hose sorge, dann wird das heute nichts. In Vorupør ist die erste Versorgungsstation und ich beschließe, dort einen kurzen Stopp zu machen, mich zu resetten und für optimale Bedingungen zu sorgen.

Ein Lächeln springt mir ins Gesicht.

Unter Applaus laufen wir die erste Versorgungsstation an. Ich trinke erst mal Wasser und versorge mich mit einem Stück Banane und einem Mini-Energieriegel. Jetzt nehme ich mir die Zeit und ziehe meine Hose richtig an, binde den Bund neu und überprüfe den Sitz. Schnell noch ein weiterer Energie-Riegel und einen Isodrink und es geht weiter. 200 Meter weicher Sandstrand können ganz schön lang sein, doch jetzt geht es auf perfektem Stranduntergrund weiter. Wunderbar hart und optimal zum Laufen. Da ist er endlich- mein Laufrhythmus. Plötzlich geht alles viel leichter. Ich spüre, wie ich deutlich schneller werde und das, obwohl es sich viel leichter anfühlt. Ein Lächeln springt mir ins Gesicht. 

Endlich im Flow

Ich weiß ja nicht, was noch vor mir liegt.

Ein Drittel ist geschafft – folgen noch zwei weitere. Es geht die Dünen hoch – weich, ausgetreten, sandig, nachgiebig, kräftezehrend. Aber ich weiß, gleich wird es besser. Dachte ich zumindest. Zum ersten Mal überholte ich andere Läufer. Ein geiles Gefühl. Sie ließen mich fair vorbei, denn in den Dünen ist das Überholen kaum möglich. Der Weg ist so schmal, dass nicht mal zwei Füße nebeneinander passen …

Mir geht es großartig.

Ja, die Beine sind schon etwas schwer, doch es geht auf Kilometer 8 zu. Moment, ich kenne den Weg. Das ist nicht deren Ernst, denke ich, noch bevor ich realisierte, dass es tatsächlich den steilen Sandweg die Düne hochgeht. Mein Vordermann lässt mich passieren. Ich weiß jetzt augenblicklich auch warum. Mit jedem Tritt, den ich unternehme, um die Düne hochzukommen, geht es nicht bergauf, sondern habe ich das Gefühl, ich bin gleich wieder unten. Es hilft nichts. Ein kurzes, aber lautstarkes „What the Fuck“ entgleitet meinen Lippen, bevor ich mich auf allen Vieren die Düne hochkämpfe. Oben angekommen, muss ich erst mal nach Luft schnappen. Mein Mitstreiter ist jetzt auch oben und geht erst mal auf die Seite. Da wir zwei im Moment hier alleine sind, hole ich kurz mein Handy raus, um ein paar Fotos zu machen.

Heiter weiter

Die spinnen, die Dänen …

Meine Oberschenkel brennen noch, als ich wieder loslaufe. Ich besinne mich auf meine Fähigkeiten. Körperhaltung. Wo sind meine Arme? Mein Kinn? Meine Schultern? Wie ist meine Atmung? Ich komme mit Leichtigkeit in Schwung und schließe zu der Gruppe auf, die wenige Minuten vorher noch außer Reichweite schien.  Es läuft. Nein, nicht rückwärts und bergab, sondern echt. Ich genieße diesen Augenblick. Gibt es etwas Schöneres als diesen Moment in der Natur? Auf mich gestellt und ganz in meiner Kraft bin ich fast bei der Gruppe angekommen. Zehn Meter trennen uns vielleicht noch, als die Markierungsfähnchen uns von dem breiteren Weg auf einen schmalen, fast unbenutzten Pfad umleiten. 

Besinnen auf die eigenen Fähigkeiten

Als ich entdecke, wo uns das hinführt, rutscht mir ein „Ihr wollt mich doch verarschen …“ raus. Auf einem schmalen, rutschigen Pfad geht es gefühlt mit 80 Grad Steigung eine riesige Düne rauf. Ok. Durchatmen, konzentrieren, achtsam sein, sonst kommst du hier nicht rauf. Das Schöne ist, während ich mich die Düne hochkämpfe, denke ich noch nicht darüber nach, wie es weitergeht, sondern bin ganz im Hier und Jetzt.

 

Hier und Jetzt 

Ein Schritt nach dem anderen – rennen? Fehlanzeige.

Wir sind aktuell zu dritt. Eine Läuferin ist noch vor mir die Düne hoch, ein weiterer ist direkt hinter mir. Also nix mit Durchatmen, weiter gehts.

Ich laufe über den Dünenkamm, um dann nach 20 Metern der nächsten Herausforderung gegenüberzustehen. Gut, dass ich mich für meine Trail-Schuhe entschieden habe, mit den normalen wäre ich hier nur stürzend runtergekommen.

Ok, atmen, konzentrieren, die anderen sind hier auch runtergekommen. Noch einmal umschauen, die Aussicht genießen und los.

Puh, das ging tatsächlich einfacher als ich es gedacht hätte. Klar, etwas rutschig, aber die letzten Schritte kann ich dann schon nutzen, um wieder in Schwung zu kommen. Nach ein paar Metern habe ich meine Vorläuferin eingeholt. Sie lässt mich passieren und so geht es heiter weiter. 

Mittlerweile läuft es wirklich gut.

Laufrhythmus stimmt, Wetter ist perfekt, die Landschaft ein Traum und alle Mitläufer freundlich gesinnt und gut drauf. Ich kann schon von Weitem das Seezeichen von Bøgsted Rende sehen. Kurz vorher ist noch eine Versorgungsstation und dort ist ungefähr die erste Hälfte geschafft. Das gibt mir zusätzlichen Antrieb. Außerdem geht es einen kurzen Abschnitt über den Fahrradweg und so ist es sehr angenehm und leicht zu laufen. Ich hole auf, überhole und nähere mich der Versorgungsstation.

Übermut?

Fast Halbzeit

Ein kurzer Anflug von Übermut will mich gerade befallen, als mir klar wird, es ist zwar schon die Hälfte, doch es kommen noch zwei ganz schwierige Strandabschnitte. Also etwas Tempo raus. An der Versorgungsstation werden wir ebenfalls wieder freundlich von einigen Zuschauern empfangen und die Helfer machen einen grandiosen Job. Ich bedanke mich für die Versorgung, genieße das kurze Auftanken und Durchatmen. Auf gehts. Bergfest. Die Hälfte ist geschafft – nur noch zehn Kilometer.

Gedacht und los.

Ok. Zum Trainieren bin ich letztens noch die Strecke andersrum gelaufen und das war schon nicht einfach. Jetzt gehts bergauf. Dünenwege. Sand. Wurzeln. Bäume rechts und links und wuchernde Büsche, die den Weg noch enger machen. Wo kommt denn der ganze Sand her? War der Weg hier rauf schon immer so weich? So steil? Sch … ich werde langsamer, merke das Brennen in meinen Oberschenkeln. Da vorne sehe ich das Seezeichen. Nur noch eine steile Anhöhe rauf dann geht es erst mal wieder. 

 

Von hier aus geht es erst eine steile Treppe runter und dann ab auf die Waldwege. Hier ist Achtsamkeit gefragt. Es gibt unzählige Wurzeln, die aus der Erde herausragen, manche sogar wie Schlaufen. Nach dem sandigen Abschnitt fällt es mir besonders schwer, die Beine über die hochstehenden Wurzeln zu heben. Ich spüre, wie die Energieriegel und der Isodrink mir die nötige Reserve liefert. Es fällt wieder leichter.

Achtsamkeit ist angebracht.

Jetzt geht es in Richtung Zauberwald. Sehr eng hatte ich es erwartet. Worüber ich nicht nachgedacht habe – wie sich der Regen der letzten Stunden auswirken würde. Es erwartet mich eine kleine Schlammschlacht. Wieder eine neue Herausforderung. Abwechselnd durch Schlamm oder über rutschige Holzstege schlängele ich mich durch den Zauberwald. Am Ende des Waldes empfängt mich eine Fotografin. Vermutlich hab ich gerade ziemlich wirr ausgesehen … bin gespannt auf die Fotos. Na mal sehen. 

… Schritt für Schritt

Erholungsphase. Es geht wieder ein Stück über den Radweg. Ich kann meine Gedanken sortieren. Wie ist meine Körperspannung? Wo befinden sich meine Arme? Laufe ich locker? Atmung? Ich genieße den Moment. Weiß ich doch, dass die beiden fordernden Strandabschnitte noch vor mir liegen. Beim ersten Mal zwangen sie mich dazu, vom Laufen ins Gehen zu wechseln, was unglaublich viel Zeit kostete und die Abschnitte so in die Länge zog, dass sie zu einer mentalen Herausforderung wurden. Das will ich diesmal unbedingt vermeiden. Ich liege auch ganz gut in der Zeit. Klar, die Hoseneskapade hat mich sicher 15 Minuten gekostet, doch ich bin für meine Verhältnisse ganz zufrieden. Es läuft und so werde ich auf dem leichten Teil auch wieder schneller.

Es geht jetzt auf die 15 Kilometer zu und ich hole weiter auf.

Einige Marathonis lasse ich hinter mir, voller Respekt, denn sie haben ja schon 21 Kilometer mehr auf dem Tacho als ich. Der Weg führt nun vom Fahrradweg wieder weg und zwischen den Weiden durch.

Beim ersten Mal gab es hier riesige, knöcheltiefe Pfützen und man hatte keine Chance, trocken durchzukommen. Das bleibt mir dieses Mal, Gott sei Dank, erspart. Es sind zwar Pfützen da, aber man kommt drumherum.

 

Finale

Mentale Stärke – Check-Up

Die guten Wege hier fallen mir leicht und so kann ich mich mental auch gleich wieder durchchecken.

Atmung, Körperhaltung, wo sind meine Arme, wo ist mein Kinn, meine Schultern? Wie geht es den anderen? Was macht deren Körperhaltung und Körpersprache?

Ich atme tief durch. Bald schon kommt in Vangså die nächste Versorgungsstation. Ich habe zwischendurch schon was getrunken, denn mittlerweile scheint die Sonne und es wird wärmer, obwohl wir ja schon in den Abendstunden sind.

Ich zucke kurz innerlich zusammen. Nach der Station ist vor der schwierigen Strandetappe … 

Durchatmen – Ich schaffe das!

Ich schiebe mir nen extra Riegel ein, Banane auch noch – ich muss den Strand schaffen, denke ich. Die letzten Meter die Straße entlang, der Parkplatz vor der Düne und dann die Düne rauf.

Die Mädels, die mich gerade am Stand noch überholt haben, gehen vom Laufen ins Gehen übe. Ich überlege auch kurz, ob das nicht die bessere Idee sein könnte, entscheide mich aber anders. Ich laufe weiter, suche den Strand ab nach dem besten Weg.

Doch da sich die Spuren verwischen, bin ich auf mich selbst angewiesen. Ich laufe in die Nähe des Wassers, obwohl ich wenig Hoffnung habe. Vor ein paar Tagen war ich hier am Strand spazieren und schon das war anstrengend.

Aber tatsächlich – es geht etwas besser als erwartet. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Dünenabschnitt, denn der wird auf jeden Fall leichter als das hier …

Ich schreibe Antje eine Nachricht „Könnt euch auf den Weg machen.“ Meine Familie vertreibt sich die Zeit irgendwo in Klitmøller und kann sich jetzt langsam in Richtung Zielbereich aufmachen.

Meine Uhr zeigt mir 18 Kilometer an – also noch 3. Ich bin happy – das Ziel ist ganz nah. Dass meine Uhr am Ende ca. 1 Kilometer mehr drauf hat als die 21 Kilometer, wusste ich da ja noch nicht.

Achtsamkeit ist angebracht – schon wieder …

Die Streckenführung im Dünenbereich ist auch leicht anders als beim letzten Mal. Irgendwie schwieriger.

Die Wege werden immer schmaler und an verschiedenen Stellen verschwindet mein Fuß fast unsichtbar im Dickicht. Also keine Ahnung, wohin ich gerade trete.

Achtsamkeit ist angesagt und eine gute Körperspannung. Irgendwie sind die Beine diesmal ganz schön schwer … 

… sieht gar nicht so Kacke aus.

Ich folge den Fähnchen – eine weitere Düne rauf, fast ohne sichtbaren Weg, also direkt übers Gras.

Der Weg mündet die letzten Meter die Düne rauf in einen sanften Aufstieg.

Bin ich schon am letzten Strandabschnitt? Echt? Wow und auf den ersten Blick siehts gar nicht so Kacke aus wie beim letzten Mal, oder? Oder???

Ich sehe vereinzelte Läufer, die sich über den Strand quälen, ja fast torkeln. Ich versuche, einen einigermaßen festen Untergrund zu finden. Während meine Beine immer schwerer werden, blicke ich nach rechts und links und versuche, einen besseren, leichteren Weg zu finden.

Mittlerweile fühlt es sich an, als werden die Füße mit Gummiseilen zurückgehalten, so schwer ist es, sie aus dem weichen Sand zu befreien. Ich weigere mich, ins Gehen zu wechseln, auch wenn ich langsam laufe – noch laufe ich … 

Die Strecke wird, wie erwartet, immer schwieriger. Der extrem weiche Sand füllt sich mit großen Steinen, jeder Schritt ist jetzt ein Abenteuer. Es bringt mich vollkommen aus dem Rhythmus und ich spüre meine Beine kaum noch. Ich habe schon fast das Gefühl, zu stehen obwohl ich wirklich noch laufe.

Ich überhole sogar noch drei oder vier Läufer, genau kann ich das aber jetzt nicht mehr sagen. Ich will nur noch ins Ziel.

Meine Uhr zeigt schon längst die 21 Kilometer an, doch ich sehe noch immer nicht das Ziel am Horizont. Es ist trügerisch, sich auf die Uhr zu verlassen, habe ich doch meine Kraftreserven daraufhin eingeteilt. Am Ende der Kräfte ist aber noch nicht am Ziel. Wieder ein Learning. Verlass dich nicht nur auf die Technik … 

Die letzten Meter ….

Das Ziel ist nah …

Jeder Schritt ist eine unglaubliche Kraftanstrengung, doch so langsam merke ich, das Ziel naht.

Dänemarktypisch werden es so langsam mehr Leute am Strand. Es ist Sonnenuntergangszeit. Ein unglaubliches Gefühl, an den Menschen vorbeizulaufen.

Ich kann spüren, dass das Ziel naht, auch wenn ich es noch nicht sehe. Der Läufer vor mir biegt in einem leichten Bogen in Richtung Dünen ab, das Ziel ist nah … 

Lächeln …

Eine Fotografin ermutigt mich, fordert mich auf, ein wenig zu jubeln.

Ich mache den Spaß mit und merke, wie es mich aus meinem Tief herausholt.

Die Schritte werden wieder leichter, ein Lächeln huscht mir übers Gesicht.

Ich sehe die erste Messmarke, die ich zügig quere und laufe dem Ziel entgegen.

Tatsächlich ist dieses Mal sogar noch Publikum anwesend. Applaus und der Moderator begrüßt mich im Ziel. Ein cooles Gefühl, so gefeiert zu werden. Ich klatsche ab und überquere dabei die Ziellinie.

Meine Familie erwartet mich schon. Ich versuche anzukommen. Vollkommen erschöpft bekomme ich eine Wasserflasche in die Hand gedrückt, während der GPS-Tracker von meinem Fuß genommen wird.

Ich falle in die Arme meiner Familie. Froh und glücklich, im Ziel angekommen zu sein. Schneller als beim letzten Mal.

Nicht so schnell, wie ich erhofft hatte, aber sehr dicht dran.

Eins ist klar, beim nächsten Mal bin ich wieder dabei oder laufe ich dann sogar den Marathon? … Das wird eine andere Geschichte und ich werd sie euch erzählen, wenn es so weit ist.

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